Neurophysiologische Entwicklungsförderung -
kindliche Lern- und Verhaltensprobleme besser verstehen und behandeln
mit Anja van Velzen


Manche Kinder brauchen eine zweite Chance. Sie lernen schwer lesen, schreiben oder rechnen, obwohl sie normal bis überdurchschnittlich intelligent sind. Sie leiden unter Schul- und Versagensängsten.
Sie haben Gleichgewichtsprobleme, sind ungeschickt und langsam. Einige sind Bettnässer, haben Allergien und Schlafstörungen.
Viele von ihnen sind hyperaktiv, unkonzentriert und ständig angespannt.
Viele sind sehr aggressiv und gewaltbereit. Viele waren als Babies häufig krank. Forschungsarbeiten in England und Schweden haben ergeben, dass bei einer Häufung dieser Symptome körperliche Ursachen zugrunde liegen können, die das Ergebnis einer neurophysiologischen Entwicklungs-verzögerung im frühen Lebensalter sind.

Jedes gesunde Kind wird mit einer Reihe von Reflexen geboren, die seinem Überleben dienen und die Grundlage für eine normale Bewegungsentwicklung bilden.
Die ersten Reflexbewegungen sind schon beim 7-wöchigen Embryo vorhanden und spielen eine entscheidende Rolle bei der Reifung seines Nervensystems, der Sinne, des Gleichgewichts und der Koordination. Im Verlauf der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres werden diese
"Baby-Reflexe" normalerweise von einem höher entwickelten Teil des Gehirns unterdrückt, bzw. umgewandelt. Geschieht dies nicht oder nur unvollständig, und die Gründe hierfür sind vielfältig und gut dokumentiert, so bleiben sie als störende Bewegungsimpulse bestehen und schwächen die Funktionen des zentralen Nervensystems.

Diese Dysfunktionen können minimal sein, und werden deshalb oft nicht erkannt und behandelt. Nimmt jedoch der Stress in der Umgebung zu - meist bei Schuleintritt - brechen seine Kompensations-mechanismen zusammen, und die strukturellen Schwächen können sich in den unterschiedlichsten Symptomen zeigen. Dann wird von einer neurophysiologischen Entwicklungsverzögerung gesprochen.
Lehrer, die mit neurophysiologisch beeinträchtigten Kindern zu tun haben, sind oft unsicher. Diese Kinder sind intelligent, in der Grundschule oft noch guten Willens und voller Eifer. Da bei ihnen aber die grundlegenden Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse noch nicht ausgereift sind, können sie trotz aller Anstrengung einfach nicht die Leistungen erbringen, die unser Schulsystem verlangt: Lesen, Schreiben, Rechtschreibung und Rechnen.

Für viele Kinder beginnt hier ihr Leidensweg als Schulversager. Sie fühlen sich trotz gut gemeinter therapeutischer Hilfen unverstanden, und sie sind es auch, wenn ihre Verhaltensauffälligkeiten, ihre Ängste, ihre Aggressivität nicht als Folgen der zugrunde liegenden neurophysiologischen Störung erkannt werden.

Die physiopädagogische Praxis arbeitet mit den zugrunde liegenden Störungen. Kernstück der Arbeit mit lern- und verhaltensgestörten Kindern ist die neurophysiologische Entwicklungs-förderung, ein Bewegungsübungsprogramm, das in den 70-er Jahren vom Institute for Neurophysiological Psychology (INNP) in England entwickelt wurde.
Ziel des Übungsprogramms ist es, dem Gehirn eine zweite Chance zur Reifung zu geben und so zur Entfaltung aller geistigen und emotionalen Potenzen eines Kindes beizutragen.
Eingebettet ist das Übungsprogramm in Beratungsgespräche mit Eltern und Lehrern und in eine umfangreiche Diagnostik, mit der der neurophysiologische Entwicklungszustand, das Gleichgewicht, die Bewegungskoordination, die sensorische Wahrnehmungsfähigkeit, Augen-Handkoordination und die Seitigkeit des Kindes überprüft werden.

Anja van Velzen ist Sonderpädagogin und Entwicklungstherapeutin NDI/INPP für neurophysiologisch bedingte Lern- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Neurophysiologie & Pädagogik "Kinder im Lot" (B.N.P.) seit 1997.
Schwerpunkte: Sprachbehinderte und Verhaltensauffällige (Studium 1979-1986 Uni Hamburg).
Spiel- und Theaterpädagogin in AGS, Sprecherin und Autorin im Norddeutschen Rundfunk
Festhaltetherapie-Ausbildung bei Dr. Prekop und Annette Austermann (2002- 2004)
Zahlreiche praxisrelevante Fortbildungen, seit 1991 eigene Physiopädagogische Praxis in Hamburg, seit 2004 zweite Praxis in Tannheim, Allgäu.

Anja van Velzen steht auch für Einzelsitzungen im Wiener Institut für Bindungstherapie zur Verfügung.
(Anfangsberatung mit Fragebogenerhebung, Erfassen des neurophysiologischen Entwicklungszustands, Besprechung der Testergebnisse, Einweisung in das häusliche Übungsprogramm).

Literaturempfehlung:

" Greifen und Be-Greifen" von Sally Goddard, VAK Verlag